Kloten – oder die Perfektion mit unzulänglichen Mitteln
Das Spiel – ein Drama. Der Aussenseiter dominiert auswärts den Meister und Sieger der Champions League mit 39:24 Torschüssen und verliert trotzdem 0:1. Nach einer Niederlage hat ein Trainer einen Grund zur Kritik, manchmal sogar einen, um zu toben, und einen Sündenbock gibt es auch, manchmal mehrere. Aber diesmal gibt es all diese Optionen nicht und selbst die Schiedsrichter sind ohne Fehl, Tadel und Schuld. Lauri Marjamäki wird gefragt, was er nach diesem Spiel in der Kabine zu seinen Spielern gesagt habe.
Was soll er denn auch sagen? Zum dritten Mal hintereinander eigentlich besser gespielt. Aber nach dem 2:3 gegen den SCB, dem 1:3 gegen Servette nun zum dritten Mal verloren: 0:1 gegen die ZSC Lions. Resultate wie aus einem melancholischen Film von Lauri Kaurismäki. Klotens Trainer als Hockey-Antwort auf den finnischen Kultregisseur Lauri Kaurismäki – und mit der melancholischen Schlussfolgerung:
Besser spielen und trotzdem verlieren. So droht am Ende der Saison das Playout gegen Ajoie.
Die Klotener und ihr finnischer Trainer haben alles richtig gemacht. Sie halten die ZSC Lions vom eigenen Tor fern, erlauben praktisch keine guten Abschlussgelegenheiten, spielen konzentriert und diszipliniert, lösen sich gut aus der eigenen Zone und finden zügig, aber ohne Hast den Weg in die gegnerische Zone. Warum verlieren sie trotzdem?
Weil es taktische Perfektion mit unzulänglichen Mitteln ist. Erklärt am Beispiel von Yannick Weber. Die ZSC Lions sind so gut besetzt, dass sie dazu in der Lage sind, aus einem Minimum ein Maximum herauszuholen. Bietet sich eine gute Möglichkeit zum Abschluss, dann ist mit ziemlicher Sicherheit ein weit überdurchschnittlicher Spieler zur Stelle. So wie in der 48. Minute. Einer kann frei aus «Halbdistanz» abdrücken. Es ist der weitgereiste 37-jährige Veteran Yannick Weber, gestählt aus über 600 Partien im nordamerikanischen Profihockey, ein Mann ohne Nerven, schlau und abgebrüht. Eine solche Gelegenheit lässt er sich nicht entgehen und trifft zum 1:0. Sein sechstes Saisontor.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
Punkte
Goals/Assists
Spiele
Strafminuten
-
Er ist
-
Er kann
-
Erwarte
Zu diesem Zeitpunkt führt Kloten nach Torschüssen 26:17. Auch den Klotenern bieten sich solche Möglichkeiten. Aber meistens bieten sie sich nicht einem Star mit der Klasse, dem Können und der Erfahrung von Yannick Weber. Einen solchen Schweizer Verteidiger kann sich Kloten gar nicht leisten. Die Möglichkeit bietet sich dann halt vielleicht einem «Rückraumschützen» wie Bernd Wolf oder Leandro Profico oder Dario Sidler oder Noah Delémont oder Steve Kellenberger. Keiner von ihnen hat das Salär, die Klasse und die Kaltblütigkeit von Yannick Weber.
Klotens taktische Perfektion scheitert an den unzulänglichen spielerischen Mitteln. Oder noch anders formuliert: Kloten fehlen die finanziellen Mittel, um Spieler zu bezahlen, die dazu in der Lage sind, die taktische Perfektion in Siege umzumünzen.
Der Optimist sagt: Die ZSC Lions machen aus einem Minimum ein Maximum. Gerockt wird erst in den Playoffs, die Qualifikation ist bloss eine Pflichtübung. Wer im Januar 1:0 gewinnt, macht alles richtig. Mehr ist nicht nötig. So wird man erneut Meister.
Der Pessimist sagt: Die ZSC Lions haben mit dem Beistand der Hockeygötter eine Schmach abgewendet, sie sind weitgehend dominiert worden und ihr Auftritt bietet insgesamt einen Grund zur Sorge. So wird man nicht mehr Meister.
Trainer Marco Bayer musste kurz vor Spielmitte gar ein Time-out nehmen und seine Jungs zu einer aktiveren Spielweise ermahnen. Seine Worte verhallten ungehört, der spielerische Schlendrian ging bis zur zweiten Pause weiter.
Frage also an den ZSC-Cheftrainer: Wie sehen Sie das Spiel? So wie der Optimist oder so wie der Pessimist? Die Anspannung ist ihm kurz nach der Schlusssirene noch ein wenig anzumerken. Er hat während dieser Partie an der Bande schon ein wenig gelitten. Wohl wissend: Eine Niederlage hätte seinen Kritikern Aufwind gegeben. Die doch jeglicher Polemik abholde und für ihre Sachlichkeit weltberühmte NZZ – also nicht der Boulevard – hat soeben getitelt:
Das ist starker Tobak.
Inzwischen coacht Marco Bayer die ZSC Lions gut ein Jahr und lässt sich von provokativen Fragen eines Chronisten nicht mehr so schnell ins Bockshorn jagen. Er bestätigt, dass seine Mannschaft zu wenig konstant spiele. «Vor ein paar Wochen hätten wir dieses Spiel noch verloren.» So bestätigt er die Kritiker.
So bestätigt er die Optimisten. Wer will, kann sagen: Die tapferen Klotener haben unverdient verloren. Doch die Debatte, ob der ZSC-Sieg verdient oder unverdient ist, erübrigt sich. Die Wahrheit steht nämlich immer oben auf der Resultatanzeige. ZSC Lions 1 – EHC Kloten 0.
